Faktor-ETFs: Faktorprämien verstehen und nutzen
Momentum, Quality, Value, Size und Low Volatility – wie du Faktor-ETFs sinnvoll in dein Portfolio integrierst und was die Daten wirklich zeigen.
Bei klassischen ETFs wie dem MSCI World werden Aktien nach Marktkapitalisierung gewichtet – große Unternehmen haben einen höheren Anteil als kleine. Faktor-ETFs gehen einen anderen Weg: Sie gewichten Aktien nach bestimmten Merkmalen (Faktoren), die historisch mit höheren Renditen verbunden waren.
So funktioniert ein Faktor-Index
- Für jede Aktie wird der Faktorwert berechnet (z.B. Momentum)
- Nur die Aktien mit den besten Faktorwerten werden ausgewählt
- Diese werden entsprechend ihres Faktorwerts gewichtet
- Alle paar Monate wird der Index komplett neu zusammengesetzt
Das Ziel: Eine sogenannte Faktorprämie erzielen – also eine Überrendite gegenüber dem nach Marktkapitalisierung gewichteten Index. Ob das funktioniert und wie du Faktor-ETFs sinnvoll nutzt, schauen wir uns jetzt an.
Die 5 Haupt-Faktoren im Überblick
Momentum
Aktien, die in der Vergangenheit stark gestiegen sind, tendieren dazu, weiter zu steigen. Die Momentum-Strategie kauft Gewinner und meidet Verlierer.
Quality
Unternehmen mit hoher Profitabilität, stabilen Gewinnen und niedriger Verschuldung. Diese „Qualitätsunternehmen" überstehen Krisen besser und liefern konstante Erträge.
Value
Aktien, die im Verhältnis zu ihren Fundamentaldaten günstig bewertet sind (niedriges KGV, KBV). Die klassische „Schnäppchenjagd" nach unterbewerteten Unternehmen.
Size (Small Cap)
Kleinere Unternehmen liefern historisch höhere Renditen als große – mit entsprechend höherem Risiko. Sie sind flexibler und haben mehr Wachstumspotenzial.
Low Volatility
Aktien mit geringen Kursschwankungen. Paradoxerweise liefern diese oft bessere risikoadjustierte Renditen als hochvolatile Aktien – ein Widerspruch zur klassischen Finanztheorie.
Die Basis für Faktor-Investing bildet das Fama-French-Modell, entwickelt von den Ökonomen Eugene Fama und Kenneth French (Nobelpreis 2013). Es erweiterte das klassische CAPM-Modell:
3-Faktor-Modell (1992)
- • Markt – Aktien vs. risikofreie Anlage
- • SMB – Small minus Big (Size-Prämie)
- • HML – High minus Low (Value-Prämie)
5-Faktor-Modell (2015)
- • Alle 3 ursprünglichen Faktoren +
- • RMW – Profitabilität (Quality)
- • CMA – Konservative Investitionen
Wichtig zu wissen
Das Fama-French-Modell erklärt über 90% der Portfoliorenditen – deutlich mehr als die 70% des klassischen CAPM. Aber: Momentum wurde erst später durch Mark Carhart (1997) hinzugefügt und ist nicht Teil des ursprünglichen Modells, obwohl es empirisch sehr stark ist.
Was 30 Jahre Daten wirklich zeigen
| Faktor | Rendite | Volatilität | Sharp Ratio | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| Momentum | ★★★ | ★★ | ★★★ | Top-Performer |
| Quality | ★★★ | ★★★ | ★★★ | Top-Performer |
| Low Volatility | ★★ | ★★★ | ★★★ | Top-Performer (risikoadjustiert) |
| MSCI World | ★★ | ★★ | ★★ | Benchmark |
| Value | ★ | ★★ | ★ | Underperformer |
| Size (Small Cap) | ★ | ★ | ★ | Underperformer |
★★★ = überdurchschnittlich, ★★ = durchschnittlich, ★ = unterdurchschnittlich
Alle Faktor-Indizes sind mit mindestens 0,8 korreliert – das ist wichtig zu verstehen! Sie stammen alle aus demselben Aktienuniversum und verhalten sich ähnlich.
Was das bedeutet: Die Kombination verschiedener Faktor-ETFs ist kein Ersatz für echte Diversifikation (z.B. mit Anleihen, Gold, Immobilien). Es handelt sich um Fine-Tuning des Aktienanteils, nicht um grundlegende Portfoliodiversifikation.
Hier liegt der Kern des Problems für Privatinvestoren:
📊 Die Daten sagen:
Momentum, Quality und Low Volatility waren die klaren Gewinner der letzten 30 Jahre. Size und Value haben über ein komplettes Investorenleben nicht abgeliefert.
📚 Die Theorie sagt:
Ausgerechnet Size und Value sind die Faktoren, die sich ökonomisch am besten erklären lassen und daher theoretisch am robustesten sein sollten.
🎯 Die wichtigste Erkenntnis:
Faktorprämien sind zeitlich nicht persistent. Niemand weiß, wann welcher Faktor seine Prämie liefern wird. Die Gewinner von heute können die Verlierer von morgen sein – und umgekehrt.
Sinnvolle Faktor-Kombinationen
Basierend auf der Portfoliotheorie nach Markowitz können wir analysieren, welche Faktor-Kombinationen historisch sinnvoll waren. Die Idee: Renditetreiber (Momentum, Quality) mit stabilisierenden Faktoren kombinieren.
✓ Momentum + Low Volatility
Beste Kombination: Ca. 40% Momentum, 60% Low Volatility ergibt das maximale Sharp Ratio. Keine „Nogo-Area" – jede Gewichtung war über 30 Jahre vertretbar.
✓ Quality + Low Volatility
Ebenfalls attraktive Kombination mit gutem Sharp Ratio. Quality als Renditetreiber, Low Volatility zur Stabilisierung.
✗ Momentum + Value/Size
Mit jedem Prozent Value oder Size hat sich das Sharp Ratio verschlechtert. Nicht rational vertretbar auf Basis der historischen Daten.
✗ Quality + Value/Size
Gleiches Problem: Value und Size waren keine guten Partner für Quality und haben die Performance konsistent verschlechtert.
Aber Vorsicht!
Diese Erkenntnisse basieren auf Vergangenheitsdaten. Es gibt keinen rationalen Grund, warum die Gewinner von gestern auch die Gewinner von morgen sein sollten. Deshalb empfehlen viele Experten trotzdem eine Gleichgewichtung aller Faktoren.
Sparplan-Strategien im Vergleich
1. Gleichverteilung (ohne Rebalancing)
EmpfohlenJeden Monat einfach 20% der Sparrate in jeden der 5 Faktoren. Kein Rebalancing.
2. Gleichverteilung (mit Rebalancing)
EmpfohlenStart mit Gleichverteilung, dann monatliche Anpassung der Sparrate um Gleichgewicht zu halten.
3-5. Momentum-basierte Strategien
Riskant75% in den besten Faktor der letzten 6 Monate, 25% in den zweitbesten. Varianten: Nach Rendite, Volatilität oder Sharp Ratio.
Die Simulationen zeigen eindeutig: Zunehmende Komplexität bringt nur unterproportional mehr Nutzen.
| Strategie | Rendite p.a. | Mehrrendite vs. MSCI World | Komplexität |
|---|---|---|---|
| MSCI World (Benchmark) | 8,2% | - | ⚪ |
| Gleichverteilung (einfach) | 8,8% | +0,6% | 🔵 |
| Gleichverteilung + Rebalancing | 8,8% | +0,6% | 🔵🔵 |
| Momentum-basiert (komplex) | 9,0% | +0,8% | 🔵🔵🔵🔵 |
Fazit: Die einfache Gleichverteilung liefert 75% des Mehrwerts bei einem Bruchteil des Aufwands. Die komplexen Momentum-Strategien bringen nur ~0,2% mehr Rendite, haben aber ein erhöhtes Risiko der Klumpenbildung und erfordern deutlich mehr Aufwand.
Beide Ansätze (mit und ohne Rebalancing) liefern ähnliche Metriken, aber unterschiedliche Portfoliostrukturen.
❌ Ohne Rebalancing
- ✓ Weniger Aufwand
- ✓ Keine Transaktionskosten
- ✗ Tendenz zur Klumpenbildung
- ✗ Gewinner dominieren das Portfolio
✓ Mit Rebalancing
- ✓ Gleichgewicht wird gehalten
- ✓ Systematisches „Buy low, sell high"
- ✗ Mehr Aufwand
- ✗ Ggf. Transaktionskosten
💡 Empfehlung
Faustformel: Je dekorrelierter die Assets, desto mehr lohnt sich Rebalancing. Da Faktor-ETFs hochkorreliert sind (≥0,8), ist der Mehrwert des Rebalancings begrenzt.
Tipp: Wenn dein Portfolio auch Anleihen, Gold oder Immobilien enthält, rebalance lieber auf der Top-Level-Ebene (Aktien vs. andere Assets) als innerhalb der Faktor-ETFs.
✓ Das ist sinnvoll
- • Gleichgewichtete Investition in alle 5 Faktoren
- • Einfache Sparplan-Strategie (20% pro Faktor)
- • Faktor-ETFs als Fine-Tuning, nicht als Diversifikation
- • Langer Anlagehorizont (10+ Jahre)
✗ Das solltest du vermeiden
- • Wetten auf einzelne Faktoren
- • Zu komplexe Momentum-Strategien
- • Überbewertung historischer Performance
- • Vernachlässigung der echten Diversifikation
Die ehrliche Einschätzung:
Faktor-ETFs können langfristig 0,5-1% Mehrrendite pro Jahr bringen – das ist über 30 Jahre erheblich. Aber: Der zusätzliche Aufwand und die Komplexität stehen in keinem guten Verhältnis zum Mehrwert. Ein einfacher MSCI World oder ACWI ist eine absolut legitime Alternative, wenn dir der Aufwand für 5 Faktor-ETFs nicht wert ist.
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Video-Quelle
📺 „Wie Privatinvestoren Faktor ETFs sinnvoll in ihr Portfolio integrieren können" – YouTubeDieser Artikel basiert auf der Analyse und den Simulationen aus diesem Video.
Wissenschaftliche Grundlagen
- • Fama, E. F.; French, K. R. (1993): „Common risk factors in the returns on stocks and bonds" – Journal of Financial Economics
- • Fama, E. F.; French, K. R. (2015): „A Five-Factor Asset Pricing Model" – Journal of Financial Economics
- • Carhart, M. M. (1997): „On Persistence in Mutual Fund Performance" – The Journal of Finance (Momentum-Faktor)
- • Asness, C. et al. (2022): „Fact, Fiction, and Factor Investing" – The Journal of Portfolio Management
Weiterführende Ressourcen
- • Kenneth French Data Library – Historische Faktordaten
- • MSCI Factor Investing – Faktor-Indizes und Research
- • Investopedia: Factor Investing – Einführung in englischer Sprache
Wichtiger Hinweis
Die auf dieser Website bereitgestellten Informationen und Berechnungen dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar. Die dargestellten Berechnungen basieren auf vereinfachten Annahmen und historischen Durchschnittswerten. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Alle Angaben ohne Gewähr.