Faktor-ETFs: Faktorprämien verstehen und nutzen

Momentum, Quality, Value, Size und Low Volatility – wie du Faktor-ETFs sinnvoll in dein Portfolio integrierst und was die Daten wirklich zeigen.

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2026
5
Haupt-Faktoren
+0,5-1%
Potenzielle Mehrrendite p.a.
30+
Jahre Datenbasis
≥0,8
Korrelation untereinander
Was sind Faktor-ETFs?

Bei klassischen ETFs wie dem MSCI World werden Aktien nach Marktkapitalisierung gewichtet – große Unternehmen haben einen höheren Anteil als kleine. Faktor-ETFs gehen einen anderen Weg: Sie gewichten Aktien nach bestimmten Merkmalen (Faktoren), die historisch mit höheren Renditen verbunden waren.

So funktioniert ein Faktor-Index

  1. Für jede Aktie wird der Faktorwert berechnet (z.B. Momentum)
  2. Nur die Aktien mit den besten Faktorwerten werden ausgewählt
  3. Diese werden entsprechend ihres Faktorwerts gewichtet
  4. Alle paar Monate wird der Index komplett neu zusammengesetzt

Das Ziel: Eine sogenannte Faktorprämie erzielen – also eine Überrendite gegenüber dem nach Marktkapitalisierung gewichteten Index. Ob das funktioniert und wie du Faktor-ETFs sinnvoll nutzt, schauen wir uns jetzt an.

Die 5 Haupt-Faktoren im Überblick

Momentum

Aktien, die in der Vergangenheit stark gestiegen sind, tendieren dazu, weiter zu steigen. Die Momentum-Strategie kauft Gewinner und meidet Verlierer.

Hohe historische RenditeHöherer Turnover3-12 Monate Betrachtung

Quality

Unternehmen mit hoher Profitabilität, stabilen Gewinnen und niedriger Verschuldung. Diese „Qualitätsunternehmen" überstehen Krisen besser und liefern konstante Erträge.

Stabile GewinneNiedrige VolatilitätROE, Debt/Equity

Value

Aktien, die im Verhältnis zu ihren Fundamentaldaten günstig bewertet sind (niedriges KGV, KBV). Die klassische „Schnäppchenjagd" nach unterbewerteten Unternehmen.

Theoretisch fundiertSchwache 30-J.-PerformanceKGV, KBV, Dividende

Size (Small Cap)

Kleinere Unternehmen liefern historisch höhere Renditen als große – mit entsprechend höherem Risiko. Sie sind flexibler und haben mehr Wachstumspotenzial.

Theoretisch fundiertSchwache 30-J.-PerformanceMarktkapitalisierung

Low Volatility

Aktien mit geringen Kursschwankungen. Paradoxerweise liefern diese oft bessere risikoadjustierte Renditen als hochvolatile Aktien – ein Widerspruch zur klassischen Finanztheorie.

Bestes Sharp RatioNiedrige Schwankungen1-3 Jahre Volatilität
Die Wissenschaft: Fama-French-Modell

Die Basis für Faktor-Investing bildet das Fama-French-Modell, entwickelt von den Ökonomen Eugene Fama und Kenneth French (Nobelpreis 2013). Es erweiterte das klassische CAPM-Modell:

3-Faktor-Modell (1992)

  • Markt – Aktien vs. risikofreie Anlage
  • SMB – Small minus Big (Size-Prämie)
  • HML – High minus Low (Value-Prämie)

5-Faktor-Modell (2015)

  • • Alle 3 ursprünglichen Faktoren +
  • RMW – Profitabilität (Quality)
  • CMA – Konservative Investitionen

Wichtig zu wissen

Das Fama-French-Modell erklärt über 90% der Portfoliorenditen – deutlich mehr als die 70% des klassischen CAPM. Aber: Momentum wurde erst später durch Mark Carhart (1997) hinzugefügt und ist nicht Teil des ursprünglichen Modells, obwohl es empirisch sehr stark ist.

Was 30 Jahre Daten wirklich zeigen

Historische Performance (MSCI World Faktoren, 1994-2025)
FaktorRenditeVolatilitätSharp RatioBewertung
Momentum★★★★★★★★Top-Performer
Quality★★★★★★★★★Top-Performer
Low Volatility★★★★★★★★Top-Performer (risikoadjustiert)
MSCI World★★★★★★Benchmark
Value★★Underperformer
Size (Small Cap)Underperformer

★★★ = überdurchschnittlich, ★★ = durchschnittlich, ★ = unterdurchschnittlich

Korrelation zwischen den Faktoren

Alle Faktor-Indizes sind mit mindestens 0,8 korreliert – das ist wichtig zu verstehen! Sie stammen alle aus demselben Aktienuniversum und verhalten sich ähnlich.

Was das bedeutet: Die Kombination verschiedener Faktor-ETFs ist kein Ersatz für echte Diversifikation (z.B. mit Anleihen, Gold, Immobilien). Es handelt sich um Fine-Tuning des Aktienanteils, nicht um grundlegende Portfoliodiversifikation.

Niedrigste Korrelation:Momentum ↔ Low Volatility
Das Faktor-Dilemma

Hier liegt der Kern des Problems für Privatinvestoren:

📊 Die Daten sagen:

Momentum, Quality und Low Volatility waren die klaren Gewinner der letzten 30 Jahre. Size und Value haben über ein komplettes Investorenleben nicht abgeliefert.

📚 Die Theorie sagt:

Ausgerechnet Size und Value sind die Faktoren, die sich ökonomisch am besten erklären lassen und daher theoretisch am robustesten sein sollten.

🎯 Die wichtigste Erkenntnis:

Faktorprämien sind zeitlich nicht persistent. Niemand weiß, wann welcher Faktor seine Prämie liefern wird. Die Gewinner von heute können die Verlierer von morgen sein – und umgekehrt.

Sinnvolle Faktor-Kombinationen

Basierend auf der Portfoliotheorie nach Markowitz können wir analysieren, welche Faktor-Kombinationen historisch sinnvoll waren. Die Idee: Renditetreiber (Momentum, Quality) mit stabilisierenden Faktoren kombinieren.

✓ Momentum + Low Volatility

Beste Kombination: Ca. 40% Momentum, 60% Low Volatility ergibt das maximale Sharp Ratio. Keine „Nogo-Area" – jede Gewichtung war über 30 Jahre vertretbar.

✓ Quality + Low Volatility

Ebenfalls attraktive Kombination mit gutem Sharp Ratio. Quality als Renditetreiber, Low Volatility zur Stabilisierung.

✗ Momentum + Value/Size

Mit jedem Prozent Value oder Size hat sich das Sharp Ratio verschlechtert. Nicht rational vertretbar auf Basis der historischen Daten.

✗ Quality + Value/Size

Gleiches Problem: Value und Size waren keine guten Partner für Quality und haben die Performance konsistent verschlechtert.

Aber Vorsicht!

Diese Erkenntnisse basieren auf Vergangenheitsdaten. Es gibt keinen rationalen Grund, warum die Gewinner von gestern auch die Gewinner von morgen sein sollten. Deshalb empfehlen viele Experten trotzdem eine Gleichgewichtung aller Faktoren.

Sparplan-Strategien im Vergleich

5 Ansätze für Faktor-ETF-Sparpläne

1. Gleichverteilung (ohne Rebalancing)

Empfohlen

Jeden Monat einfach 20% der Sparrate in jeden der 5 Faktoren. Kein Rebalancing.

Ergebnis: ~8,8% p.a. (vs. 8,2% MSCI World) | Aufwand: Minimal

2. Gleichverteilung (mit Rebalancing)

Empfohlen

Start mit Gleichverteilung, dann monatliche Anpassung der Sparrate um Gleichgewicht zu halten.

Ergebnis: ~8,8% p.a. | Aufwand: Moderat

3-5. Momentum-basierte Strategien

Riskant

75% in den besten Faktor der letzten 6 Monate, 25% in den zweitbesten. Varianten: Nach Rendite, Volatilität oder Sharp Ratio.

Ergebnis: ~9% p.a. | Aufwand: Hoch | Risiko: Klumpenbildung
Das Grenznutzen-Problem

Die Simulationen zeigen eindeutig: Zunehmende Komplexität bringt nur unterproportional mehr Nutzen.

StrategieRendite p.a.Mehrrendite vs. MSCI WorldKomplexität
MSCI World (Benchmark)8,2%-
Gleichverteilung (einfach)8,8%+0,6%🔵
Gleichverteilung + Rebalancing8,8%+0,6%🔵🔵
Momentum-basiert (komplex)9,0%+0,8%🔵🔵🔵🔵

Fazit: Die einfache Gleichverteilung liefert 75% des Mehrwerts bei einem Bruchteil des Aufwands. Die komplexen Momentum-Strategien bringen nur ~0,2% mehr Rendite, haben aber ein erhöhtes Risiko der Klumpenbildung und erfordern deutlich mehr Aufwand.

Rebalancing bei Faktor-ETFs: Ja oder nein?

Beide Ansätze (mit und ohne Rebalancing) liefern ähnliche Metriken, aber unterschiedliche Portfoliostrukturen.

❌ Ohne Rebalancing

  • ✓ Weniger Aufwand
  • ✓ Keine Transaktionskosten
  • ✗ Tendenz zur Klumpenbildung
  • ✗ Gewinner dominieren das Portfolio

✓ Mit Rebalancing

  • ✓ Gleichgewicht wird gehalten
  • ✓ Systematisches „Buy low, sell high"
  • ✗ Mehr Aufwand
  • ✗ Ggf. Transaktionskosten

💡 Empfehlung

Faustformel: Je dekorrelierter die Assets, desto mehr lohnt sich Rebalancing. Da Faktor-ETFs hochkorreliert sind (≥0,8), ist der Mehrwert des Rebalancings begrenzt.

Tipp: Wenn dein Portfolio auch Anleihen, Gold oder Immobilien enthält, rebalance lieber auf der Top-Level-Ebene (Aktien vs. andere Assets) als innerhalb der Faktor-ETFs.

Fazit: So nutzt du Faktor-ETFs sinnvoll

✓ Das ist sinnvoll

  • • Gleichgewichtete Investition in alle 5 Faktoren
  • • Einfache Sparplan-Strategie (20% pro Faktor)
  • • Faktor-ETFs als Fine-Tuning, nicht als Diversifikation
  • • Langer Anlagehorizont (10+ Jahre)

✗ Das solltest du vermeiden

  • • Wetten auf einzelne Faktoren
  • • Zu komplexe Momentum-Strategien
  • • Überbewertung historischer Performance
  • • Vernachlässigung der echten Diversifikation

Die ehrliche Einschätzung:

Faktor-ETFs können langfristig 0,5-1% Mehrrendite pro Jahr bringen – das ist über 30 Jahre erheblich. Aber: Der zusätzliche Aufwand und die Komplexität stehen in keinem guten Verhältnis zum Mehrwert. Ein einfacher MSCI World oder ACWI ist eine absolut legitime Alternative, wenn dir der Aufwand für 5 Faktor-ETFs nicht wert ist.

Weiterlesen

Quellen & Weiterführende Informationen

Video-Quelle

📺 „Wie Privatinvestoren Faktor ETFs sinnvoll in ihr Portfolio integrieren können" – YouTube

Dieser Artikel basiert auf der Analyse und den Simulationen aus diesem Video.

Wissenschaftliche Grundlagen

  • • Fama, E. F.; French, K. R. (1993): „Common risk factors in the returns on stocks and bonds" – Journal of Financial Economics
  • • Fama, E. F.; French, K. R. (2015): „A Five-Factor Asset Pricing Model" – Journal of Financial Economics
  • • Carhart, M. M. (1997): „On Persistence in Mutual Fund Performance" – The Journal of Finance (Momentum-Faktor)
  • • Asness, C. et al. (2022): „Fact, Fiction, and Factor Investing" – The Journal of Portfolio Management

Weiterführende Ressourcen

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Wichtiger Hinweis

Die auf dieser Website bereitgestellten Informationen und Berechnungen dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar. Die dargestellten Berechnungen basieren auf vereinfachten Annahmen und historischen Durchschnittswerten. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Alle Angaben ohne Gewähr.