Bitcoin All-In? Warum 100% Bitcoin ein großes Risiko ist
Bei einem Drawdown von -50% verkaufen zu müssen ist der Worst Case. Warum Lebensrisiken und Portfolio-Theorie gegen „All-In" sprechen.
Stand Februar 2026: Bitcoin notiert bei etwa 65.000-66.000 USD – ein Drawdown von knapp 50% vom Allzeithoch bei 125.900 USD. Für „Bitcoin-Maximalisten" mag das eine Kaufgelegenheit sein. Für alle, die 100% ihres Vermögens in Bitcoin haben, ist es ein Stresstest.
Das Kernproblem
Nicht der Drawdown selbst ist das Problem – sondern was passiert, wenn du genau jetzt an dein Geld musst. Jobverlust, Krankheit, Scheidung oder ein kaputtes Auto warten nicht, bis Bitcoin wieder steigt.
Dieser Artikel erklärt, warum „All-In" bei jedem volatilen Asset – nicht nur Bitcoin – ein strukturelles Problem darstellt. Es geht nicht darum, ob Bitcoin steigt oder fällt, sondern um die Wahrscheinlichkeit, dass du im falschen Moment verkaufen musst.
Die Finanzwelt unterscheidet zwischen Paper Losses (Buchverlusten) und Realized Losses (realisierten Verlusten). Solange du nicht verkaufst, ist alles nur eine Zahl auf dem Bildschirm.
Aber was, wenn du verkaufen MUSST?
Das Leben hält sich nicht an Marktzyklen. Wenn du plötzlich 20.000€, 50.000€ oder mehr brauchst, hast du drei Optionen:
Du realisierst den Verlust von -50%. Aus 100.000€ werden 50.000€ – und du brauchst vielleicht 30.000€ davon sofort.
Hohe Zinsen, Schulden, und wenn Bitcoin weiter fällt, könnte der Kredit mehr wert sein als dein Depot.
Familie, Freunde um Geld bitten. Belastet Beziehungen und ist oft nicht möglich.
Das Sequence-of-Returns-Risiko
In der Finanzwissenschaft nennt man das Sequence-of-Returns-Risk: Die Reihenfolge der Renditen beeinflusst dein Endergebnis massiv, besonders wenn du ein- oder auszahlst.
Beispiel:
- • Person A: Kauft 2020 bei 10.000€, hält bis 2025 bei 100.000€ → +900%
- • Person B: Kauft 2021 bei 60.000€, muss 2022 bei 16.000€ verkaufen → -73%
Beide haben „in Bitcoin investiert". Das Ergebnis könnte unterschiedlicher nicht sein.
Diese Ereignisse können jeden treffen – oft ohne Vorwarnung. Die Zahlen basieren auf deutschen Statistiken und Studien.
1. Jobverlust / Arbeitslosigkeit
Statistik: ~25% aller Deutschen waren mindestens einmal arbeitslos. Die durchschnittliche Dauer liegt bei 6-8 Monaten. Bei 3.000€ Nettobedarf = 18.000-24.000€ Liquiditätsbedarf.
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, IAB-Studien
2. Berufsunfähigkeit
Statistik: Jeder 4. Arbeitnehmer wird vor der Rente berufsunfähig. Hauptursachen: Psyche (31%), Bewegungsapparat (20%), Krebs (15%). Ohne BU-Versicherung oft existenzbedrohend.
Quelle: GDV Berufsunfähigkeitsstatistik 2024
3. Scheidung / Trennung
Statistik: ~150.000 Scheidungen/Jahr in Deutschland, Scheidungsrate bei ~35-40%. Vermögen wird geteilt – Bitcoin muss oft sofort liquidiert werden für den Zugewinnausgleich.
Quelle: Statistisches Bundesamt
4. Schwere Krankheit
Statistik: Jeder 2. erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Auch mit Krankenversicherung entstehen oft hohe Zusatzkosten: Zuzahlungen, alternative Therapien, Verdienstausfall, Umbauten.
Quelle: Robert Koch-Institut
5. Pflegefall in der Familie
Statistik: 5 Mio. Pflegebedürftige in Deutschland. Eigenanteil im Pflegeheim: 2.500-3.500€/Monat. Kinder haften für Eltern (ab 100.000€ Jahreseinkommen).
Quelle: BMG Pflegestatistik 2024
6. Unfall / Auto-Totalschaden
Statistik: ~2,3 Mio. Unfälle/Jahr. Totalschaden, Mitverschulden, oder Fahren ohne Führerschein (Alkohol, Drogen) = kein Versicherungsschutz. Kosten: 10.000-50.000€ sofort.
Quelle: ADAC Unfallstatistik
7. Unerwartete Sanierung
Statistik: Heizungstausch 15.000-40.000€, Dach 20.000-50.000€, neue Fenster 10.000-25.000€. Für Eigentümer oft unausweichlich – und teuer.
Quelle: Baukosteninformationszentrum BKI
8. Ungeplanter Nachwuchs
Statistik: ~40% aller Schwangerschaften ungeplant. Erstausstattung + größere Wohnung + Einkommensausfall = oft 10.000-30.000€ zusätzlicher Bedarf im ersten Jahr.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Familienreport
9. Rechtsstreit / Haftung
Statistik: ~15% aller Deutschen hatten schon einen Rechtsstreit. Kosten ohne Rechtsschutz: 5.000-50.000€+. Besonders teuer: Arbeitsrecht, Familienrecht, Baurecht.
Quelle: Deutscher Anwaltverein
10. Steuernachzahlung
Ironie: Wer 2024 Bitcoin mit Gewinn verkauft hat (Haltefrist <1 Jahr), schuldet 2025 Steuern. Bei 50.000€ Gewinn → bis zu 22.000€ Steuerschuld. Das Finanzamt wartet nicht auf den nächsten Bull-Run.
Quelle: EStG §23
Die Kombination macht es gefährlich
Einzeln betrachtet sind diese Risiken „normal". Aber: Ein Jobverlust während eines Bitcoin-Crashes ist der perfekte Sturm. Du brauchst Geld, dein Vermögen ist halbiert, und du musst trotzdem verkaufen.
Harry Markowitz und die Moderne Portfolio-Theorie
1952 entwickelte Harry Markowitz die Moderne Portfolio-Theorie (MPT), für die er später den Nobelpreis erhielt. Die Kernaussage:
„Diversifikation ist der einzige Free Lunch in der Finanzwelt."
– Harry Markowitz, Nobelpreisträger
Durch die Kombination von Assets mit unterschiedlicher Korrelationlässt sich das Risiko reduzieren, ohne die erwartete Rendite proportional zu senken. Das gilt besonders, wenn ein Asset so volatil ist wie Bitcoin.
Bitcoin-Volatilität im Vergleich
| Asset | Volatilität (p.a.) | Max. Drawdown |
|---|---|---|
| Bitcoin | 60-80% | -86% |
| MSCI World | 15-18% | -54% |
| 60/40 Portfolio | 10-12% | -30% |
| Tagesgeld | ~0% | 0% |
Die Empfehlung der Experten
Selbst Bitcoin-freundliche Institutionen wie BlackRock,Fidelity oder ARK Invest empfehlen maximal 1-10% Bitcoin-Anteil für aggressive Portfolios. Warum?
Bei 5-10% Bitcoin-Anteil
- • Totalverlust kostet nur 5-10% des Portfolios
- • Leichte Verbesserung der risikoadjustierten Rendite
- • Partizipation an möglichen Gewinnen
- • 90-95% bleiben diversifiziert und stabil
Bei 100% Bitcoin-Anteil
- • -80% Crash = 80% deines Vermögens weg
- • Keine Puffer für Notfälle
- • Psychischer Stress bei Volatilität
- • Notverkauf realisiert den Verlust
Die Effizienzgrenze
Die Portfolio-Theorie zeigt: Es gibt eine Effizienzgrenze (Efficient Frontier), auf der Portfolios die beste Rendite für ein gegebenes Risiko bieten. Ein 100% Bitcoin-Portfolio liegt nicht auf dieser Grenze – es hat unnötig hohes Risiko ohne proportional höhere erwartete Rendite.
Szenario: Max hat 100.000€ Vermögen. Im Jahr 2 verliert er seinen Job und braucht 30.000€ für 10 Monate Lebenshaltung.
Strategie A: 100% Bitcoin
Verlust: -55.000€ (55% des Startkapitals)
Strategie B: Diversifiziert
Verlust: -28.000€ (28% des Startkapitals)
Der entscheidende Unterschied
Mit Strategie B konnte Max sein Tagesgeld nutzen, ohne Bitcoin/ETF im Crash zu verkaufen. Differenz nach dem Notfall: +27.000€zugunsten der diversifizierten Strategie.
Bitcoin kann steigen. Vielleicht auf 200.000€, vielleicht auf 500.000€. Niemand weiß es. Aber das ist nicht der Punkt.
Der Punkt ist: Du weißt nicht, wann du Geld brauchst.Und wenn du es brauchst, wartet der Markt nicht auf dich.
Die vernünftige Strategie
Mit dieser Struktur profitierst du von Bitcoin-Anstiegen, ohne bei einem Crash alles zu verlieren.Das ist keine Angst – das ist Risikomanagement.
„Ich sage nicht, dass Bitcoin nicht auf 1 Million steigen kann. Ich sage nur: Wenn du im falschen Moment verkaufen musst, ist es egal, was der Preis in 10 Jahren ist."
Wissenschaftliche Grundlagen
- • Markowitz, H. (1952): „Portfolio Selection" – Journal of Finance
- • Sharpe, W. (1964): „Capital Asset Prices" – Journal of Finance
- • Fama, E. & French, K. (1993): „Common Risk Factors" – Journal of Financial Economics
Statistiken & Daten
- • Statistisches Bundesamt – Scheidungsstatistik, Lebenshaltungskosten
- • GDV – Berufsunfähigkeitsstatistik 2024
- • Robert Koch-Institut – Krebsstatistik Deutschland
- • Bundesagentur für Arbeit – Arbeitslosenstatistik
Weiterführende Ressourcen
- • Portfolio-Optimierung – Moderne Portfoliotheorie im Detail
- • Notgroschen-Rechner – Berechne deinen optimalen Notgroschen
- • Risikoprofil-Test – Finde deine optimale Aktienquote
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