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FIFO-Prinzip bei Aktien & ETFs

Das First-In-First-Out-Prinzip bestimmt, welche Anteile bei einem Verkauf steuerlich als zuerst verkauft gelten. Erfahre, wie FIFO funktioniert und welche legalen Strategien es gibt, um deine Steuerlast zu optimieren.

Was ist das FIFO-Prinzip?

FIFO steht für "First In, First Out" – auf Deutsch: "Zuerst rein, zuerst raus". Das Prinzip stammt ursprünglich aus der Lagerhaltung und Buchhaltung, findet aber auch im deutschen Steuerrecht bei Wertpapierverkäufen Anwendung.

Bei Aktien und ETFs bedeutet FIFO: Wenn du Anteile verkaufst, gelten steuerlich immer die zuerst gekauften Anteile als zuerst verkauft. Du kannst nicht frei wählen, welche Anteile du verkaufen möchtest.

Einfaches Beispiel

Kauf 2015

50 Anteile

@ 40 € = 2.000 €

Kauf 2020

50 Anteile

@ 80 € = 4.000 €

Verkauf 2025

50 Anteile

@ 120 € = 6.000 €

Nach FIFO werden die 2015er-Anteile verkauft:

Gewinn = 6.000 € - 2.000 € = 4.000 € steuerpflichtiger Gewinn

Würdest du stattdessen die 2020er-Anteile verkaufen können, wäre der Gewinn nur 2.000 €.

Rechtliche Grundlage in Deutschland

Das FIFO-Prinzip für Wertpapiere ist in Deutschland gesetzlich verankert. Die maßgebliche Regelung findet sich im Einkommensteuergesetz.

§ 20 Abs. 4 Satz 7 EStG
"Bei vertretbaren Wertpapieren, die einem Verwahrer zur Sammelverwahrung im Sinne des § 5 des Depotgesetzes anvertraut worden sind, ist zu unterstellen, dass die zuerst angeschafften Wertpapiere zuerst veräußert wurden."
Was bedeutet das konkret?
Gilt für alle Wertpapiere in Sammelverwahrung
Betrifft Aktien, ETFs, Fonds und Anleihen
Wird automatisch von der Bank angewendet
Gilt pro Depot und pro ISIN (Wertpapierkennung)
Wichtige Ausnahme
FIFO gilt separat pro Depot. Hast du denselben ETF bei verschiedenen Banken, wird FIFO für jedes Depot einzeln berechnet.
Dies ist der Schlüssel für legale Steueroptimierung!

Steuerliche Auswirkungen

In der Ansparphase ist FIFO meist kein Problem – du verkaufst ja nichts. Kritisch wird es in der Entnahmephase, wenn du von deinem Vermögen leben möchtest.

Detaillierte Beispielrechnung
Szenario: 20 Jahre ETF-Sparplan, monatlich 500 €, durchschnittlich 7% Rendite p.a.
ZeitraumEingezahltWert 2045Gewinn
2025-2030 (früh)30.000 €~116.000 €+86.000 €
2030-2035 (mittel)30.000 €~83.000 €+53.000 €
2035-2040 (mittel)30.000 €~59.000 €+29.000 €
2040-2045 (spät)30.000 €~42.000 €+12.000 €
Gesamt120.000 €~300.000 €+180.000 €
Mit FIFO (ohne Optimierung)

Bei Verkauf von 50.000 € werden zuerst die ältesten Anteile verkauft:

Verkaufswert50.000 €
Einstandswert (frühe Anteile)~13.000 €
Steuerpflichtiger Gewinn~37.000 €
Steuer (26,375%)~9.760 €
Ohne FIFO (mit Optimierung)

Bei Verkauf der neuesten Anteile (wenn möglich):

Verkaufswert50.000 €
Einstandswert (späte Anteile)~36.000 €
Steuerpflichtiger Gewinn~14.000 €
Steuer (26,375%)~3.690 €

~6.070 € Steuerersparnis

Bei nur einem Verkauf von 50.000 €. Über viele Jahre der Entnahme summiert sich das auf fünfstellige Beträge!

Strategie 1: Mehrere Depots nutzen

Die einfachste Methode zur FIFO-Optimierung: Verschiedene Depots bei verschiedenen Banken nutzen. Da FIFO pro Depot gilt, hast du so die volle Kontrolle darüber, welche Anteile du verkaufst.

So funktioniert's

Depot A (Bank 1)

Sparplan 2025-2035

→ Enthält die ältesten, profitabelsten Anteile

Depot B (Bank 2)

Sparplan 2035-2045

→ Mittlere Anteile

Depot C (Bank 3)

Sparplan 2045-2055

→ Neueste Anteile, weniger Gewinn

Bei Entnahme im Ruhestand:

Verkaufe zuerst aus Depot C (neueste Anteile = weniger Gewinn = weniger Steuern). Depot A mit den profitabelsten Anteilen bleibt unangetastet und kann weiter wachsen oder an Erben übergehen.

Vorteile

✓ Einfach umzusetzen

✓ Maximale Flexibilität bei Entnahme

✓ Keine Umschichtung nötig

✓ Kann den gleichen ETF nutzen

Nachteile

✗ Mehrere Depots verwalten

✗ Weniger Übersichtlichkeit

✗ Evtl. unterschiedliche Konditionen

✗ Mehr Aufwand bei Steuererklärung

Strategie 2: Zeitscheiben-Strategie

Eine elegante Alternative mit nur einem Depot: Alle 10 Jahre auf einen anderen, ähnlichen ETF wechseln. So entstehen verschiedene "Zeitscheiben" im selben Depot.

Beispiel: MSCI World Zeitscheiben

2025-2035

iShares Core MSCI World

ISIN: IE00B4L5Y983

2035-2045

Xtrackers MSCI World

ISIN: IE00BJ0KDQ92

2045-2055

SPDR MSCI World

ISIN: IE00BFY0GT14

Warum funktioniert das?

Da jeder ETF eine andere ISIN hat, gilt FIFO für jeden separat. Du kannst frei wählen, aus welchem ETF du verkaufst – unabhängig vom Kaufzeitpunkt!

Passende ETF-Kombinationen
IndexAnbieter 1Anbieter 2Anbieter 3
MSCI WorldiShares CoreXtrackersSPDR
FTSE All-WorldVanguard (Acc)Vanguard (Dist)-
MSCI ACWIiSharesSPDRXtrackers
S&P 500iShares CoreVanguardXtrackers

* Alle genannten ETFs bilden nahezu identisch denselben Index ab. Unterschiede in Kosten und Tracking sind minimal.

Vorteile

✓ Nur ein Depot nötig

✓ Gute Übersichtlichkeit

✓ Volle Flexibilität bei Entnahme

✓ Identische Marktabdeckung

Nachteile

✗ Leicht unterschiedliche TER

✗ Minimale Tracking-Unterschiede

✗ Sparplan-Änderung alle 10 Jahre

✗ Mehr Positionen im Depot

Strategie 3: Depot-Übertrag

Ein Depot-Übertrag zu einer anderen Bank ist steuerneutral – es werden keine Gewinne realisiert. Dies kannst du taktisch nutzen, um FIFO zu deinem Vorteil zu beeinflussen.

So funktioniert der taktische Übertrag
1

Ausgangssituation

Du hast alte (hoher Gewinn) und neue (niedriger Gewinn) Anteile im selben Depot.

2

Übertrag der alten Anteile

Übertrage die ältesten Anteile zu einem anderen Depot. Das ist steuerfrei!

3

Verkauf aus dem ursprünglichen Depot

Jetzt sind nur noch die neueren Anteile da – und diese werden nach FIFO zuerst verkauft = weniger Steuern!

Wichtige Hinweise zum Depot-Übertrag

  • • Dauert oft 2-4 Wochen – plane genug Zeit ein
  • • Während des Übertrags kannst du nicht verkaufen
  • • Anschaffungsdaten werden mitübertragen (wichtig für Steuern)
  • • Kostenlos bei den meisten Brokern

Wann lohnt sich FIFO-Optimierung?

FIFO-Optimierung ist nicht für jeden sinnvoll. Hier sind die wichtigsten Faktoren, die du berücksichtigen solltest:

Sinnvoll wenn...
Langer Anlagehorizont (>15 Jahre)
Hohe erwartete Gewinne im Depot
Geplante Entnahme im Ruhestand
Bereitschaft zur Komplexität
Größere Depotwerte (>100.000 €)
Weniger sinnvoll wenn...
Kurzer Anlagehorizont (<10 Jahre)
Kleine Depotwerte (<50.000 €)
Einfachheit ist dir wichtiger
Auswanderung in Niedrigsteuerland
Sonderfall: Erbschaft

Bei Vererbung von Wertpapieren gilt in Deutschland die Fußstapfentheorie: Die Erben übernehmen die ursprünglichen Anschaffungskosten des Erblassers. Bei einem späteren Verkauf muss der gesamte Gewinn seit dem ursprünglichen Kauf versteuert werden – nicht erst ab dem Todeszeitpunkt.

⚠️ Achtung: Anders als in den USA (wo es einen "Step-up in basis" gibt) wird der Vermögenszuwachs bis zum Tod in Deutschland nicht steuerfrei gestellt.

Ausnahme Altbestände: Wertpapiere, die vor dem 1.1.2009 gekauft wurden, bleiben auch nach Vererbung komplett steuerfrei – unabhängig vom Gewinn.

Häufig gestellte Fragen

Kann ich bei meiner Bank beantragen, dass LIFO statt FIFO gilt?
Nein, das ist in Deutschland gesetzlich nicht möglich. Das FIFO-Prinzip ist in § 20 Abs. 4 Satz 7 EStG vorgeschrieben und gilt zwingend für alle Wertpapiere in Sammelverwahrung. Du kannst FIFO nur durch die beschriebenen Strategien (mehrere Depots, Zeitscheiben, Übertrag) legal umgehen.
Gilt FIFO auch für Kryptowährungen?

Kryptowährungen fallen unter § 23 EStG (private Veräußerungsgeschäfte), nicht unter § 20 EStG. Das bedeutet: Es gibt keine gesetzliche FIFO-Verpflichtung wie bei Wertpapieren.

Laut BMF-Schreiben vom 10.05.2022 sind folgende Methoden zulässig:

  • FIFO (First In, First Out) – Standardmethode
  • Durchschnittsmethode – gewichteter Durchschnitt aller Käufe
  • Einzelbewertung – wenn konkret nachweisbar ist, welche Coins verkauft wurden (z.B. verschiedene Wallets)

⚠️ Wichtig: LIFO wird im BMF-Schreiben nicht explizit als zulässig genannt. Die einmal gewählte Methode muss durchgehend angewendet werden.

Was passiert bei einem Depot-Übertrag mit den Anschaffungsdaten?
Bei einem Depot-Übertrag werden die Anschaffungsdaten (Kaufdatum und Kaufpreis) von der abgebenden Bank an die aufnehmende Bank übermittelt. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Du behältst also alle steuerrelevanten Informationen – der Übertrag selbst löst keinen steuerpflichtigen Vorgang aus.
Wie oft sollte ich den ETF wechseln bei der Zeitscheiben-Strategie?
Ein Wechsel alle 10 Jahre ist ein guter Richtwert. Häufigere Wechsel bringen nur marginal mehr Flexibilität, erhöhen aber die Komplexität. Wähle den Zeitpunkt so, dass du im Ruhestand mindestens 3-4 verschiedene "Zeitscheiben" hast, aus denen du wählen kannst.
Lohnt sich der Aufwand wirklich?
Bei größeren Depots absolut! Wenn du über 20-30 Jahre einen sechsstelligen Betrag aufbaust, kann die FIFO-Optimierung leicht 20.000-50.000 € Steuern sparen. Der Aufwand (Sparplan ändern, evtl. mehrere Depots) ist im Vergleich minimal. Bei kleineren Depots oder kurzen Anlagezeiten ist der Effekt geringer, aber dennoch vorhanden.

Quellen

Gesetzliche Grundlagen

Weiterführende Informationen

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Wichtiger Hinweis

Die auf dieser Website bereitgestellten Informationen und Berechnungen dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Rechtsberatung dar. Die dargestellten Berechnungen basieren auf vereinfachten Annahmen und historischen Durchschnittswerten. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Alle Angaben ohne Gewähr.