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Teil IV · Kapitel 2412 min Lesedauer

Themen-ETFs – warum sie selten ins Kernportfolio gehören

Viele Themen-ETFs starten genau dann, wenn die Story am lautesten ist und die Bewertungen am teuersten sind. Wasserstoff, Cannabis, Metaverse, künstliche Intelligenz – jede Generation hat ihre Hype-Themen. Die Frage ist nicht, ob das Thema real ist. Die Frage ist, ob du zu einem fairen Preis investierst.

In 20 Sekunden verstanden

  • 1. Themen-ETFs kommen oft spät im Hype-Zyklus.
  • 2. Spannende Story heißt nicht fairer Einstiegspreis.
  • 3. Fürs Kernportfolio sind breite Markt-ETFs fast immer robuster.

ETFs folgen dem Hype-Zyklus – nicht umgekehrt

Eine Analyse von Morningstar (2023) zeigt: Themen-ETFs werden im Median 18 Monate nach dem Hype-Peak eines Themas aufgelegt. Die Investoren, die dann einsteigen, kaufen in der Regel zum oder nahe dem Bewertungshöchststand – und erleben dann oft Drawdowns von 50–80 %.

Was Themen-ETFs sind – und was sie versprechen

Ein Themen-ETF bildet nicht einen breiten Marktindex ab, sondern ein spezifisches Anlage-Narrativ: Elektromobilität, erneuerbare Energien, Cybersecurity, Robotik, Genomik, Metaverse, Blockchain, künstliche Intelligenz. Die Auswahl der enthaltenen Unternehmen folgt einem proprietären Regelwerk des Anbieters – oft mit erheblichem Ermessensspielraum.

Das Versprechen klingt verlockend: Du investierst direkt in den „nächsten großen Trend" und profitierst überproportional, wenn sich das Thema durchsetzt. Klingt nach aktivem Fondsmanagement, kostet aber deutlich weniger – typische TER: 0,45–0,75 %.

Das Problem liegt nicht im Konzept, sondern im Timing. Die meisten Anleger entdecken Themen-ETFs, wenn sie bereits in Wirtschaftsmedien und sozialen Netzwerken omnipräsent sind. Zu diesem Zeitpunkt ist die Story eingepreist.

Fallbeispiel

Nina, 29, UX-Designerin: Ende 2020 hörte Nina überall von Wasserstoff. Sie kaufte einen Wasserstoff-ETF bei 20 € je Anteil, kurz bevor er auf 30 € stieg. Dann folgten 18 Monate Drawdown bis auf 8 €. Heute ist er wieder bei ca. 12 €. Ihr FTSE All-World, den sie zeitgleich bespart hat, steht 45 % im Plus. Nina hat den Wasserstoff-ETF behalten – aus Verlustschmerz, nicht aus Überzeugung. Ihr Fazit: "Ich habe in die Story investiert, nicht in ein bewertbares Unternehmen. Und ich wusste im Grunde, dass das teuer war."

Ninas Geschichte wiederholt sich mit jeder neuen Themen-Welle. Der Fehler ist nicht, das Thema für real zu halten. Der Fehler ist, Bewertung und Timing zu ignorieren.

Warum Themen-ETFs strukturell benachteiligt sind

Fünf strukturelle Probleme machen Themen-ETFs als Kernportfolio ungeeignet:

1. Konzentration statt Diversifikation

Ein Welt-ETF verteilt Risiko auf 3.000–4.500 Unternehmen in 45+ Ländern. Ein Themen-ETF enthält typischerweise 20–80 Positionen in einer Branche. Das Konzentrations- und Klumpenrisiko ist um ein Vielfaches höher.

2. Hohe Bewertungen beim Kauf

Anleger kaufen Themen-ETFs, wenn das Thema in aller Munde ist. Zu diesem Zeitpunkt sind die enthaltenen Aktien im Schnitt deutlich teurer bewertet als der Gesamtmarkt – was künftige Renditen mathematisch begrenzt.

3. Survivorship Bias im Rückblick

Du siehst nur die Themen-ETFs, die noch existieren. Aufgelegte und wieder liquidierte Themen-ETFs (Cannabis, 3D-Druck, Blockchain 2017–2020) tauchen in Vergleichsstatistiken oft nicht mehr auf.

4. Hohe TER und Spreads

Mit 0,45–0,75 % TER sind Themen-ETFs 3–10× teurer als ein FTSE All-World (0,07–0,22 %). Über 20 Jahre bedeutet das bei 50.000 € Investition einen Kostenunterschied von 15.000–25.000 €.

5. Schwierige Exit-Entscheidung

Wann verlässt du ein Thema? Wenn es 20 % gefallen ist? 40 %? Wenn die Story sich verändert? Diese Entscheidung fehlt vollständig – was Anleger in Verlusten festhält.

Historische Themen-ETF-Drawdowns

Die folgende Übersicht zeigt reale maximale Drawdowns bekannter Themen-ETFs vom jeweiligen Höchststand:

Thema / ETF-TypHype-JahrMax. DrawdownErholung
Wasserstoff / Clean Energy2020–2021−72 %Teilweise, kein ATH
Cannabis / Biotech2018–2019−85 %Kaum erholt
Metaverse / ARK Innovation2021−75 %Partiell (2023–24)
Blockchain / Krypto-ETFs2017, 2021−80 %Sehr volatil
FTSE All-World (Referenz)−35 % (2022)Neues ATH 2023

Angaben: maximale Drawdowns vom jeweiligen Höchststand. Quellen: ETF-Anbieter-Daten, Bloomberg. Vergangene Wertentwicklung ist kein Indikator für künftige Ergebnisse.

Gibt es eine sinnvolle Verwendung?

Themen-ETFs sind nicht per se sinnlos. Sie können in einem klar definierten Rahmen vertretbar sein – aber nie als Kernportfolio:

Mögliche Verwendung

  • • Satellit-Position: max. 5–10 % des Gesamtdepots
  • • Nur wenn du das Thema, seine Bewertung und die enthaltenen Firmen verstehst
  • • Mit vorab definiertem Ausstiegsszenario (Stop-Loss oder Zeitraum)
  • • Mit echtem Interesse am Sektor – kein FOMO-Investment

Nicht geeignet als

  • • Kernportfolio oder Sparplan-Hauptposition
  • • Reaktion auf Medienberichte oder Social-Media-Hype
  • • Altersvorsorge oder langfristiger Vermögensaufbau
  • • Diversifikationsstrategie – sie erhöhen Konzentration

Die Faustregel: Wenn du einem Freund in zwei Sätzen nicht erklären kannst, warum du diesen ETF zu diesem Preis zu diesem Zeitpunkt kaufst – kaufe ihn nicht.

Das Thema kann richtig sein – und du trotzdem verlieren

Elektromobilität hat sich durchgesetzt. Trotzdem haben viele Anleger mit Elektro-ETFs Geld verloren, weil sie zu teuren Bewertungen eingestiegen sind. Das Richtigliegen bei einem Trend und das Verdienen an einem Investment sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wer zu 40× Kurs-Gewinn-Verhältnis kauft, braucht nicht nur Recht – er muss auch ein noch größerer Optimist finden, der ihm die Aktie abkauft.

Wie viel kostet der Unterschied in TER?

Vergleiche konkret: Ein Themen-ETF mit 0,65 % TER vs. ein FTSE All-World mit 0,07 % TER – was macht das bei 50.000 € über 20 Jahre? Unser ETF-Vergleichsrechner rechnet es durch.

ETF-Vergleich öffnen
Die 6 wichtigsten Erkenntnisse
  1. 1Themen-ETFs werden oft am Bewertungshöchststand aufgelegt – Anleger kaufen den Hype, nicht die Zukunft.
  2. 2Konzentration auf eine Branche erhöht das Verlustrisiko um ein Vielfaches gegenüber einem Welt-ETF.
  3. 3Reale Drawdowns von 70–85 % sind bei Themen-ETFs historisch dokumentiert – in breiten Markt-ETFs selten.
  4. 4Höhere TER (0,45–0,75 %) gegenüber breiten ETFs (0,07–0,22 %) kostet langfristig Zehntausende Euro.
  5. 5Das Thema kann sich durchsetzen – und du trotzdem verlieren, wenn die Bewertung beim Kauf zu hoch war.
  6. 6Als Satellit mit max. 5–10 % des Depots und klar definiertem Ausstieg kann ein Themen-ETF vertretbar sein.

Vertiefte Entscheidungspraxis: von Theorie zu robustem Anlegerverhalten

Die fachliche Erkenntnis eines Kapitels bringt erst dann Rendite, wenn sie in wiederholbare Entscheidungen übersetzt wird. Genau daran scheitern viele Anleger: Sie verstehen den Inhalt, handeln aber im Alltag trotzdem inkonsistent. Der Schlüssel liegt in einem festen Prozess, der auch unter Unsicherheit funktioniert.

Ein belastbarer Prozess braucht drei Ebenen: erstens klare Zieldefinition, zweitens operative Regeln für Standardfälle, drittens Eskalationsregeln für Stressphasen. Ohne diese Dreiteilung entsteht schnell Ad-hoc-Verhalten: mal zu spät, mal zu früh, oft getrieben von Nachrichten statt Systemlogik.

Praktisch hilft eine einfache Routine: Monatsblick auf den Prozess, Quartalsblick auf die Abweichungen, Jahresblick auf die Strategie. So trennst du operative Fehler von strategischen Fragen und vermeidest, dass jedes kleinere Problem gleich zu einem Grundsatzwechsel führt.

Das Ergebnis ist selten spektakulär, aber langfristig stark: weniger Fehler, stabilere Umsetzung, höhere Wahrscheinlichkeit auf planbare Nettoergebnisse. Genau diese Stabilität ist im Vermögensaufbau meist wertvoller als kurzfristige Optimierungsschritte.

Praktische Umsetzungsfragen

  • Ist die Kernentscheidung dieses Kapitels schriftlich in deinem Regelwerk verankert?
  • Welche typische Fehlreaktion tritt bei dir in Stressphasen auf?
  • Wie erkennst du früh, dass du vom Plan abweichst?
  • Welcher monatliche Mini-Check verhindert Wiederholungsfehler?
  • Welche Kennzahl ist für dich wirklich steuernd und welche nur „nice to know“?
  • Was ist dein klarer Wenn-Dann-Plan für die nächste Marktturbulenz?

Wichtiger Hinweis

Die auf dieser Website bereitgestellten Informationen, Artikel und Berechnungen dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Bildung. Sie stellen keine Anlageberatung, Anlageempfehlung, Steuerberatung oder Rechtsberatung im Sinne des § 34f bzw. § 34h GewO dar und ersetzen diese nicht. Die dargestellten Berechnungen basieren auf vereinfachten Annahmen und historischen Durchschnittswerten. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Die Nutzung erfolgt auf eigene Verantwortung. Alle Angaben ohne Gewähr.